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Sternstunden der Vermessung

Mit HAWOLI ist ein Künstler gestorben, dessen Werke aus Stein und Stahl weit über Norddeutschland hinaus Spuren hinterlassen haben – auch in Zeven.

Niedersachsen. Am 13. Februar ist in Neuenkirchen der renommierte Künstler und Bildhauer Hans-Wolfgang Lingemann im Alter von 90 Jahren gestorben. Unter dem Künstlernamen HAWOLI hat er die zeitgenössische Kunst im öffentlichen Raum Norddeutschlands und der Bundesrepublik wesentlich geprägt.

Von der Technik zur Kunst

1935 in Bleckede an der Elbe geboren, begann HAWOLI zunächst ein Ingenieurstudium, wechselte dann an die Folkwangschule in Essen und ließ sich 1962 als freischaffender Maler nieder. Aufmerksamkeit erregte er Ende der 60er-Jahre mit beweglichen Großobjekten aus Kunststoff. Die drehbare Objektgruppe „Schrauben“ aus rotem Polyester, 1971 in Hannover installiert, gehört zu dieser Werkphase.

Ab 1973 wandte sich HAWOLI Holzarbeiten und ersten Fotoserien zu. Ab 1978 entstanden die markanten Großobjekte aus Stein und Metall, mit denen er überregional bekannt wurde – zu sehen unter anderem in Bremen (Walle 1981, Hilferdingplatz 1988/91), Stuttgart, Osnabrück, Soltau und Munster. Charakteristisch für seine Werke ist das Spannungsverhältnis zwischen Stein und Stahl – als Metapher für das Wechselspiel zwischen Natur und Kultur.

Der Kunsthistoriker Eckhard Schneider schrieb dazu: „Die Objekte werden somit über das Konkrete ihrer abstrakten Formensprache hinaus zu Metaphern der Gefährdung des Gleichgewichts der Kräfte.“

Ein Vermessungspunkt in Zeven

In Zeven realisierte HAWOLI im Rahmen des Projekts Kunst in der Fußgängerzone 2001/02 ein Ensemble zu Ehren von Carl Friedrich Gauß. Der Mathematiker hielt sich 1824 und 1825 zur Landesvermessung in Zeven auf. Drei Skulpturengruppen – der zentrale Gaußbrunnen, vier „Fluchtstäbe“ mit Findling und der „Feldbuchrahmen“ – bilden heute ein künstlerisches Triptychon im öffentlichen Raum.

Der Brunnen aus blauen Azul-Steinblöcken und Edelstahl nimmt formal Bezug auf das Heliotrop, das wichtigste von Gauß selbst entwickelte Messgerät. Der Feldbuchrahmen besteht aus fünf polierten Basaltplatten, die mit Abschnitten der vermessenen Strecken sowie dem Zevener Triangulationspunkt graviert sind. Die schwarzen Steine stehen – als Kontrast zum weißen Papier – für die verflossene Zeit.

Gedanklicher Schnittpunkt zweier Vermesser

Der Bremer Kunsthistoriker Hans-Joachim Manske schrieb im Katalog zur Ausstellung 2003 in der Städtischen Galerie im Königin-Christinen-Haus: „Gauß, der Wissenschaftler, und HAWOLI, der mathematische Künstler, sind beide Vermesser von Fläche und Zeit. Der Marktplatz von Zeven wurde ihr Schnittpunkt.“

Das Gaußbrunnen-Ensemble wird in Zeven weiterhin gepflegt – als Denkmal für den Mathematiker, als sichtbares Zeichen künstlerischer Auseinandersetzung mit Wissenschaft, Zeit und Raum. HAWOLI wird in dieser Stadt nicht vergessen sein.


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